Wie geht es unseren Künstler*innen?

Interview mit Gaby Milla, Vorsitzende ZimmerTheater Speyer
  • Wie ist es Dir selbst bisher in der Corona-Situation ergangen?

Der erste Lockdown kam überraschend und heftig. Nach dem ersten Schock haben wir Alternativen überlegt, waren mit Streams und der „Poesie Ambulanz“ vor Ort. Dann der Hoffnungsschimmer: Wechsel in die Heilig-Geist-Kirche. Neue Konzepte, coronakonform, viel Arbeit und Elan, ausverkaufte Programme, sehr gutes Feedback. Dann der zweite Lockdown. Resignation. Enttäuschung. Stille.

  • Wie siehst Du die spezielle Situation der Künstler*innen in Speyer?

November und Dezember sind “Theatermonate“ mit vielen Gästen. Jetzt fehlen die die Einnahmen. Wir sind als ZimmerTheater jedoch in der glücklichen Lage, aus Spenden, finanzieller Unterstützung der Stadt und Rücklagen nicht nur die laufenden Kosten zu tragen, sondern auch an unsere Künstler*innen, denen ja alle Einnahmen weggebrochen sind, eine finanzielle Unterstützung zu zahlen. Doch wir können damit nicht kompensieren, was den Künstler*innen fehlt: ihrem Beruf und ihrer Berufung nachzugehen.

  • Was sind die größten Herausforderungen?

Die Kunst sucht neue Wege, es gibt Live-Streams, diverse digitale Formate. Doch für mich ist zu spüren, dass Kunst und Kultur hier an Grenzen stoßen. Es gibt in allen Lebensbereichen eine „Digitalisierung“, eine gewisse „Müdigkeit“ ist zu spüren. Und vor allem fehlen die besondere Theateratmosphäre, die Gemeinschaft und der Austausch. Wir hatten mit unserem umfassenden Hygienekonzept alle Auflagen erfüllt und verantwortungsvoll Kultur ermöglicht. Theater und Musikveranstaltungen waren sehr gut besucht, unsere Gäste nahmen die Reglungen an, waren achtsam und umsichtig und das Feedback zeigt uns, dass sie sich wohl und gut aufgehoben fühlten und so Kunst genießen konnten.

Der zweite Lockdown, der die Schließung der Theater umfasst, fühlt sich falsch an. Es fühlt sich an, als würde hier mit zweierlei Maß gemessen werden. Während die Geschäfte geöffnet bleiben, sind Gaststätten, Freizeit- und Kultureinrichtungen mit ihren ausgefeilten Hygienekonzepten von den Schließungen betroffen.

  • Sind Deiner Meinung nach die Fördermöglichkeiten der Stadt Speyer, des Landes, des Bundes ausreichend?

Die Unterstützung der Stadt Speyer war sehr positiv. Die Stadt fördert Kultur, zeigt sich interessiert und offen und sucht alternative Wege. Allerdings sind ihr bei vielen Entscheidungen die Hände gebunden und die finanziellen Mittel beschränkt.

Künstler*innen bekommen kein Kurzarbeitergeld, kein Arbeitslosengeld. Sie sind auf die Förderung in besonderem Maße angewiesen. Die ersten Fördermöglichkeiten für Soloselbständige waren nicht passend, orientierten sich an Personal- und Betriebskosten und mit hoher Bürokratie verbunden. Nicht nur Schauspieler und Musiker, sondern viele Freiberufliche in der Kulturbranche sind in existentiellen Notlagen und fühlen sich im Vergleich zu anderen Gruppen nicht gesehen.

Teilweise gibt es Fördermöglichkeiten, die jedoch nicht transparent sind und stets ein hohes Maß an Aufwand und Bürokratie bedingen.

Die neue Förderung für November und Dezember hörte sich passender an, allerdings ist es Ende November und es sind bisher noch keine Mittel geflossen. Das empfinde ich als ignorant gegenüber Menschen, die teilweise nicht wissen, wie sie ihre Miete bezahlen sollen.

  • Hast Du von den Angeboten gebraucht gemacht?

Wir haben als Theater Anträge gestellt und unsere Künstler*innen auf Möglichkeiten aufmerksam gemacht.

  • Was wäre Deiner Meinung nach dringend notwendig? Beispielsweise digitale Auftrittsmöglichkeiten, etc.

Es braucht vor allem Unterstützung für die Künstler*innen und Auftrittsmöglichkeiten.

Digitale Ausstattung und Schulungen helfen zu einem Teil, sind jedoch nicht das Allheilmittel, da wie dargestellt der Markt aus unserer Sicht dafür begrenzt ist.

Es ist und bleibt eine Herausforderung, die aktuelle Situation zu meistern. Vieles scheint nicht schlüssig, wirkt unbefriedigend. Es braucht nun Mut und Kraft, den Kulturbetrieb weiterzuführen. Künstler brauchen ihre Bühne, ihre kreativen Phasen. Das alles wird durch die Sorge um Morgen beeinträchtigt. Die Frage nach einem Grundeinkommen sollte hier wieder gestellt werden dürfen, damit die Geldsorgen nicht die Kreativität lähmen. Außerdem ist Geld nicht alles, denn es geht auch darum, eine Leidenschaft leben und sich entfalten zu können.

Wir wünschen uns, dass eine Perspektive für uns als Theater und für die Künstler*innen gegeben wird. Öffnung unter Einhaltung der Hygieneregelungen.

Kultur ist mehr als system-relevant, ist gesellschafts- und lebensrelevant, gibt Impulse und Nahrung für Geist und Seele. Gerade jetzt kann die Kultur gesellschaftlich helfen, gemeinsam durch diese schwierige Zeit zu kommen. Ohne Kunst und Kultur wird’s still – im Kopf und im Herz.

Das Interview wurde am 21.11.20 mit Sascha Bassing (Vorstandssprecher) geführt.

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