Wie geht es unseren Künstler*innen?

Interview mit Christian Straube, Gitarrist und Komponist

1. Wie ist es Dir bisher als Künstler in der Coronasituation ergangen?

Gott sei Dank fühle ich mich gesund.  Ich bin auch extrem vorsichtig und meide viele Menschen an einem Ort. Wir hatten coronabedingt bereits mehrere Todesfälle innerhalb der Familie zu beklagen. Also, ich nehme den Virus sehr ernst.

Nun zu Deiner Frage.

Die besondere Interaktion zwischen Publikum und Künstler, das Konzert, das Spielen vor Menschen, die Herausforderung mit dem Publikum, ihre Reaktionen/Äußerungen/ Empfindungen, das alles fehlt mir sehr. Es ist mir zu einer stets liebgewordenen Herausforderung geworden aufzutreten. Ein Teil meines sozialen Lebens. Diese wird auch durch Online-Konzerte in keiner Weise ersetzt. Da ist jetzt ein riesiges Loch: nichts!!! Das beeinflusst auch mein Üben. Worin liegt jetzt noch der Sinn, sich täglich mit zeitgestoppten drei bis vier Stunden (nachdem ein gesamter Unterrichtstag vollbracht war) zu üben, zu „disziplinieren“, um am nächsten Konzertwochenende zu brillieren?

Auch stelle ich immer wieder fest, dass viele wichtige Gesprächspartner der Verwaltung in Sachen Kultur, fast nur noch im sogenannten Homeoffice aufzufinden sind (telefonisch eher selten zu erreichen). Direkte persönliche Kontakte bleiben somit unterbunden. Das Leben in einer Warteschleife…

2. Wie siehst Du die spezielle Situation der Künstler*innen in Speyer?

Allgemein sehr traurig. Sicherlich haben es Schriftsteller*innen einfacher, aus ihren Schreibstuben heraus, ihre Worte zu verbreiten – gerade auch jetzt in dieser kontaktarmen Zeit. Maler und Bildhauer können ebenfalls noch durch die neuen Medien erfolgreich nach außen in Erscheinung treten. Sie werden dadurch auch weiterhin wahrgenommen.

Als ernsthaft am Instrument arbeitender Musiker genügt das einfach alles nicht. Die neuen Medien sind durch ein großes Online-Konzert im Jahr pro Stadt, vollkommen erschöpft. Sämtliche „Freunde des Musizierenden“ haben kostenfrei jederzeit dieses „Event“ am Bildschirm erleben können. (Bei welcher Klangqualität eigentlich…?) Mit diesem Medium sollte der/die Spielende nicht mehr als einmal jährlich vor die Online-Kamera. (Es sei denn, die Musikant*innen bewegen sich künstlerisch in eher sehr seichten Gewässern. Dann spielt die Menge der Online-Präsenz keine Rolle.)

Bei einigen, der mir bekannten Musikern der Stadt Speyer und auch darüber hinaus, ist das Wechselspiel zwischen dem Publikum und dem Interpreten seiner Musikkunst so elementar, dass die Online-Konzertmöglichkeit sogar gänzlich ausgeschlossen wird. Und das sind, ganz interessant, die professionell von der Musik, dem Konzert, lebenden Künstler.

Die „ernsthaft“ spielenden Jazz- und Klassikmusikant*innen durchleben derzeit eine ganz gewaltige Depression. Dort wo ein Künstler*in (Musiker*in) täglich Stunden um Stunden unbezahlt um seine Kunst, sein Können am Instrument arbeitet und ringt, dort stehen wir auf einem ganz einsamen Posten, ohne echtes Gehör, ohne jegliche, mögliche Anerkennung. Doch: eine Ausnahme erscheint mir möglich, die Organisten*innen der Kirchen.

3. Sind Deiner Meinung nach die Fördermöglichkeiten der Stadt Speyer, des Landes, des Bundes ausreichend?

Mit den Fördermöglichkeiten werden hierbei die finanziellen Begebenheiten, Verhältnisse angesprochen.

Die Stadt Speyer ist schon seit jeher sehr bemüht, kurze Wege zu ermöglichen. Auch gibt es natürlicher Weise die Ansprechpartner direkt vor Ort.

Was die Hilfen von Stadt und Bund betreffen, so sollte niemand von der versprochenen „unbürokratischen Hilfe“ sprechen. Die Fragebögen sind sicherlich von Menschen in den Amtsstuben mit dem notwendigen Know how und dem entsprechenden, ebenfalls gewohnten technischen Equipment, entsprechend einfach auszufüllen. Jedoch für viele Kunstschaffende und in ihrer Kunst (vergeistigt) lebende Menschen stellen diese Formulare eine fast unüberbrückbare Hürde dar. (Wird/kann eine Frage nicht entsprechend des Fragenden beantwortet werden, so ist der weitere Antwortweg nicht möglich! Und vieles mehr…. Das ist auch ein Kritikpunkt mir bekannter Künstler.) Vom Amt angegebene Ansprechpartner reagieren weder auf mehrfache telefonische Nachfragen, noch auf höflich geschriebene Mails.

Deswegen ist für mich diese Frage über genügend Fördermittel des Landes/Bundes nur unzureichend beantwortbar.

4. Hast Du /der kulturing von den Angeboten gebraucht gemacht?

Kulturing e. V. hat von den städtischen Angeboten zur Hilfe für Vereine Gebrauch machen dürfen. Auch vom Land Rheinland-Pfalz erwarten wir (hoffentlich!) noch Unterstützung. Siehe jedoch Antworten auf Frage-Nr. 3. Auch kann ich mir kaum vorstellen, dass ländliche Kleinkunst- und Kulturvereine in den Genuss einer Landesunterstützung kommen. Zu hoch erscheinen derzeit die Hürden des Landes (beispielsweise die Mindestanzahl der durchgeführten Veranstaltungen oder die Publikumsuntergrenze und ähnliches).

Da ich selbst „meine Brötchen“ durch das Unterrichten der Gitarre an öffentlichen und kommunalen Musikschulen verdiene, darf ich glücklicher Weise auf persönliche Unterstützungen von Stadt, Land und Bund, verzichten.

5. Was wäre Deiner Meinung nach dringend notwendig? Beispielsweise digitale Auftrittsmöglichkeiten, etc.

5.1. In jeder bisher kulturveranstaltenden Stadt/Gemeinde des Landes/Bundes sollten ein zur Förderung der konzertierenden und freien Kulturszene „offener“ Fonds für Musik- und Kleinkunstaufführungen frei zur Verfügung gestellt sein. Uneingeschränkt, im Rahmen der drei vormaligen Veranstaltungsperioden.

5.2. Da aufgrund der Pandemie nur ganz, ganz wenige Menschen als direkterlebende für diese Veranstaltungen zugelassen werden können, muss es für jede diese Veranstaltungen, sowohl für Künstler als auch für den Ausrichter eine kontrollierte Ausfallszahlung geben.

Damit würde zum Erhalt der jeweils regionalen freien Musik- und Kleinkunstszene Rechnung getragen werden können.

5.3. Digitale Möglichkeiten sind derzeit noch keine echte Alternative. Eher sogar ein hochgelobter Irrweg, fort vom zwischenmenschlichen, kulturellen Erlebnis.

6. Weitere Kritik, Anregungen von Deiner Seite

Nach wie vor wird das soziale und kulturell wichtige Miteinander, das Erlebnis „Kultur“, völlig unterschätzt!

Vielleicht erleben wir gerade einen evolutionären Schritt und wir entwickeln uns zu einem – für unsere früheren und noch heutigen Verhältnisse – absolut kulturfreien Wesen. Eine neue Spezies (Homo Non Ars). Sozial völlig frei und einzig von den „neuen Medien“ bestimmt. Dem kann entgegen gesteuert werden …

 

Das Interview wurde am 22.11.20 mit Helmut Stickl geführt.

 

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